Es gibt viele unterschiedliche Frauen mit vielfältigen Behinderungen und/oder chronischen Erkrankungen, die, obwohl sie verschiedene Bedürfnisse haben, vieles ähnlich erleben aufgrund ihrer Situation als Frauen mit Behinderung.
Es ist in dieser Gesellschaft nicht normal, verschieden zu sein: Und doch gibt es z. B. blinde, gehörlose, anfallskranke, contergangeschädigte, gelähmte, tumorerkrankte, an AIDS-erkrankte Frauen, solche mit Lernschwierigkeiten oder mit psychischen Einschränkungen.
Manche sind von Geburt an behindert, manche werden es im Laufe ihres Lebens, durch einen Unfall oder eine Erkrankung.
Wie alle Menschen mit Behinderung machen sie von klein auf die Erfahrung, ausgesondert und aussortiert zu werden.
Es ist heutzutage schwer, als Mensch mit Behinderung überhaupt geboren zu werden. Vorgeburtliche Diagnostik zielt darauf hin, Menschen mit Behinderung zu vermeiden.
Auch wenn sie das Glück haben, geboren zu werden, wird ihr Leben von früh auf durch Sonderbehandlung bestimmt: Sonderkindergärten, Sonderschulen, Werkstätten für Behinderte, etc..
Frauen mit Behinderung sind von all dem noch härter betroffen. Wir Frauen von Autonom Leben sprechen aus eigener Erfahrung. Wir werden sowohl gegenüber den unbehinderten Frauen und Männern, als auch gegenüber den behinderten Männern benachteiligt. Diese beiden Formen der Diskriminierung lassen sich nicht voneinander trennen, sondern verstärken sich gegenseitig. Wir benennen dies als eine doppelte Diskriminierung. Sie zeigt sich auf vielen Ebenen und betrifft alle Bereiche des Lebens:
– Eine qualifizierte Ausbildung wird uns meistens verwehrt. Wenn wir einen bestimmten Berufswunsch haben, ist dies oft ein aussichtsloser Kampf.
– Wir werden nicht als attraktive Lebenspartnerinnen wahrgenommen.
– Es ist nicht selbstverständlich, dass wir Kinder bekommen und sie erziehen können.
– Viele von uns müssen in Einrichtungen leben. Dort sind sie vielfältiger Gewalt ausgeliefert, und ihr Alltag wird fremd bestimmt.
Dies sind nur einige Beispiele.
Behinderung ist aber nur eine Eigenschaft neben vielen anderen. Die Behinderung und Andersartigkeit als unverzichtbaren Teil der eigenen Persönlichkeit anzunehmen und wertzuschätzen ist ein wichtiger Prozess und eine Möglichkeit, ein erfülltes Leben zu führen. Aus der zugedachten Rolle zu fallen kann befreiend sein und Platz für Neues schaffen.
Und sich gegen die Zuschreibungen der Unbehinderten zu wehren macht stark und Spaß - Behinderung kann auch eine Kraftquelle sein!
Grün. Gelb. Blau. Rot. Pink. Lila. Türkis.
Wir dokumentieren hier einen Artikel einer Schweizer Rollstuhlfahrerin anlässlich des Internationalen Frauentages 8. März 2004
Von Shlomir Wehrli
Wenn ich in den Jelmoli oder Globus hinein rolle, sehe ich sofort diese junge Dame die neuen Duft verteilt. Sie ist fröhlich, scheint nett zu sein und sie lächelt jedem zu. Ich rolle hinein. Zwischen mir und dem neuen Duft bleiben jetzt nur noch 3 Meter. Ich rolle vor sie. Die Frau hört jetzt nicht, sieht nicht und auch ihr Duftsinn scheint total verschwunden. Auch ihre Liebe zu ihrem Beruf ist plötzlich völlig verändert.
Ich: Was ist los? Sieht sie mich nicht? Hallo, ich bin da! Ziemlich klar, ziemlich gross, ein art Block mit Rädern. Rollt, wie ein Elefant im Porzellanladen, hinein in diese Welt, märchenhaft, voller erregende Düfte, voller hübscher dünner Frauen mit Make-up
Sie: wenn dieser Alptraum nur endet! Wenn sie mir nur nicht direkt in die Augen schaut... wenn ich nur nicht mit diesem Block und dem was drin sitzt reden muss!
Die Frau sieht mich nicht - bietet mir ihren neuen, zum verrückt werden neuen Duft, nicht an. Sie hat kein Interesse an mir. Und ich, die eigentlich diesen neuen Duft gar nicht riechen will (ich hasse es, das Duftmeer im Ladeneingang zu riechen), ich fühle wie meine ganze frauliche Schönheit auf einmal aus mir wegrutscht. Alle Verteidigungen, dass ich gebaut habe, um nicht verletzt zu werden, Risse bekommen. In mich strömt eine grosse Traurigkeit vermischt mit Wut. Und ich will schreien, dort in der Mitte des Ladens: Hallo, schau mich ein, ich bin eine Frau! Ich bin eine hübsche Frau! Ich bin eine attraktive Frau!
Durch mein ganzes Leben ist die Frau in mir verletzt.
Eine Frau die von Kindheit an behindert ist, kämpft ihr ganzes Leben mit ihrer Weiblichkeit und um ihre Weiblichkeit.
Ein geburts- oder frühbehindertes Mädchen erlebt unzählige Erlebnisse von Missbrauch und fehlenden Respekt gegenüber ihrem Körper. Das beginnt in den Spitälern: dutzende von fremden Händen berühren den kleinen Körper. Das Mädchen versteht nicht, was mit ihm geschieht. Die Experten behandeln sie wie ein Objekt. Ein Körper ohne Seele.
Später die PhysiotherapistInnen, BetreuerInnen und verschiedene HelferInnen. Alle berühren ihren Körper als eine Selbstverständlichkeit. Das Mädchen, später die Jugendliche die in einem Abhängigkeitsverhältnis steht, kann sich nicht wehren. Und wenn sie es trotzdem fertig bringt zu protestieren, ignoriert oder beschimpft man sie. Irgendwann lernt sie, sich nicht mehr zu wehren und akzeptiert die Realität. Sie lernt ihre gemischten Gefühle - denn es sind sowohl angenehme wie auch unangenehme - zu verdrängen. Meist sind es unangenehme von zuviel Nähe, von unerwünschter Intimität.
Auch die BetreuerInnen, ÄrztInnen, PhysiotherapistInnen, LehrerInnen etc. behandeln ihren Körper, versuchen ihre Behinderung zu "reparieren", ermutigen immer wieder sich anzustrengen, nicht aufzugeben, der Verzweiflung nicht nachzugeben, nicht den Schmerzen, nicht den Ängsten.
Das behinderte Mädchen wächst in eine Frau die ihren Körper nicht als Ort von Freude oder Genuss betrachten kann. Sie war ja schon immer damit beschäftigt, die Gefühle, die mit ihrem Körper verbunden sind, zu verdrängen. Gleichzeitig erlebt sie als junge Frau im Alter der sexuellen Reifung, dass ihre Umgebung ihre erwachende Sexualität zurückweist. Junge Männer begehren sie nicht, weil sie vielleicht fürchten, sie zu verletzen, Erwartungen zu erwecken, die sich vielleicht nicht verwirklichen lassen. Sie fürchten sich, ihrem anderen Körper zu begegnen. Die jungen Frauen in der Umgebung des behinderten Mädchens teilen ihre ersten sexuellen Erlebnisse nicht mit ihr. Sie wollen ihren Neid, ihre Eifersucht nicht wecken, denn - so denken sie vielleicht - ihre Chance, Ähnliches zu erleben ist sehr klein. Es entsteht eine Art unsichtbares Netz, welches sie von ihren AlterskameradInnen trennt. Die behinderte junge Frau liesst die Botschaft "Du kannst an diesem Spiel nicht teilnehmen. Du gehörst nicht dazu."
Als ich 15 Jahre alt war, sagte mir eine Freundin, ich könnte das schönste Mädchen in meine Klasse sein, wenn ich nicht behindert wäre. Sie wollte mir ein Kompliment machen...
Es braucht sehr viel Mut, Wille und Selbstwertauen dann doch als erwachsene Frau sich zu erlauben sich zu verlieben und eine Beziehung einzugehen. Und es braucht dann noch mehr Mut, Wille, und Selbstwertauen, als Frau mit Behinderung sich zu entscheiden eine Mutter zu werden.
...
Das schönste und erregendste Erlebnis meines Lebens war die Geburt meiner Tochter vor 27 Jahren. Schmerzen während zwei Tagen - aber das Glück nachher war alles wert: die kleine, schöne Kreatur in den Händen zu halten, die aus MIR kam - Frucht der Liebe zwischen meinem Mann und mir! Das Glücksgefühl war sehr, sehr gross.
Alles fing einige Monate vorher an, als in mir und in meinem Mann auf einmal der Wunsch nach einem eigenen Kind erwachte. Es war mir völlig klar, dass mein Körper kein Kind auf die Welt bringen könnte. Ich liess mich von meiner Ärztin beraten und war erstaunt zu hören, dass sie überhaupt keinen Grund sah, nicht völlig normal schwanger zu werden und zu gebären, denn bei mir war alles in Ordnung. Tatsächlich waren meine Schwangerschaft und die Geburt spontan und normal.
Ich und mein Mann hatten das Glück, zwei wunderschöne Kinder unter idealen Bedingungen gross zu ziehen. Sie wurden im Kibbuz in Israel geboren; einer Art kleines Dorf in welchem jeder jeden kennt. Die Umstände waren perfekt und für jedes Problem das auftauchte, fanden wir kreative, gute Lösungen. Das begann mit der Planung der Wohnung: wo soll das Kinderbett stehen, wie kommt man mit dem Rollstuhl dazu, wo steht die kleine Plastikwanne in welcher wir unser Baby waschen werden? Die Fantasie entfaltete sich und wir erfanden viele Lösungen selbst.
Im Kibbuz, der mein Zuhause war, gab es keine Probleme bezüglich Zugang oder Hilfe. Unsere Umgebung tat alles, damit wir erfolgreich Eltern sein können und uns gleichwertig behandelt fühlen.
Nicht so, als wir in die Schweiz zügelten. Wir hatten uns dazu entschlossen, diese schützende Gesellschaft und damit eigentlich mein Elternhaus zu verlassen, als Teil unseres persönlichen Reifeprozesses. Die Kinder waren schon 8 und 11 Jahre alt. Ihre Schule in der Schweiz war voller Treppen. Mit grosser Mühe schaffte ich es einmal im Jahr zum Elternbesuchstag die Treppe zum Klassenzimmer hoch zu steigen. Mein Mann musste sich in fremde Hände begeben um sich die Treppe hoch tragen zu lassen. Es war ein unangenehmes Erlebnis für uns und unsere Kinder. Alle Kindergärten und Schulen in unserer kleinen Stadt waren damals für Behinderte im Rollstuhl nicht zugänglich.
Mein Mann, der ein paar Jahre später in die Schulpflege gewählt wurde, kämpfte mit ganzer Kraft dafür, diese Zustände zu ändern. Heute ist die Lage etwas besser - aber das ist immer noch nur ein Tropfen in einem grossen Meer. Beratungsstellen für junge Mütter, Krippen, Kinderhorte, Kindergärten und Schulen und Treffpunkte für Mütter und für Frauen müssen auch für Mütter im Rollstuhl zugänglich sein. Mein Gefühl ist, dass die schweizerische Gesellschaft das Recht auf Mutterschaft den Frauen mit einer Behinderung noch immer verweigert. Die verbreitete Meinung ist noch immer, dass sie keine guten Mütter sein und die volle Verantwortung für die Betreuung ihrer Kinder nicht übernehmen könnten. Man sieht sie als eine Belastung für die Gesellschaft - und wehe, wenn sie dazu noch ein behindertes Kind auf die Welt bringt! - und darum soll sie kein Recht haben, ihre Mutterschaft zu verwirklichen.
Wie erstaunt war ich, als ich vor einigen Jahren ein paar Tage in der Maternité des Triemli verbringen musste und schockiert fest stellte, dass es in der ganzen Klinik keine Toilette gab, die man im Rollstuhl benutzen konnte. Das Personal der Klinik, inklusive die Direktorin waren überrascht, dass es ein Problem für Patientinnen im Rollstuhl gab. Ein beängstigender Gedanke tauchte in meinem Kopf auf: bin ich wirklich die erste Frau im Rollstuhl die einige Tage in diesem Spital verbringt? Gebären Frauen im Rollstuhl in Zürich nicht? Oder hatte vielleicht noch keine Frau den Mut und die Selbstsicherheit um zu reklamieren und von der Spitalleitung Veränderungen zu verlangen? Das Beispiel verrät, das hier wirklich niemand von behinderten Frauen erwartet zu gebären. Mich schockiert das. Mich macht das wütend. Ich frage mich, wie eine solche entwürdigende und rassistische Einstellung im 21. Jahrhundert noch immer möglich ist.
Bei meinem letzten Besuch in Israel traf ich eine junge Freundin mit Behinderung die einen Rollstuhl benutzt. Sie ist allein erziehende Mutter die - ohne Vater - einen süssen, jetzt 3-jährigen Sohn gross zieht. Die junge Frau, die an Polio erkrankte, weil sie nicht rechtzeitig geimpft worden war, wohnt in einer vollkommen ihren Bedürfnissen angepassten Wohnung, fährt ein genau ihren Bedürfnissen angepasstes Auto und beschäftigt eine persönliche Assistentin, die bei ihr wohnt. Meinen Freundin ist nicht reich und arbeitet auch nicht wirklich, im Moment. So, wie ist es möglich, dass in einem Land wie Israel, das in einen jahrzehntelangen Krieg verwickelt und in einer tiefen Wirtschaftskrise steckt, innerlich zerrissen ist und chronische Wasserprobleme hat, Menschen mit einer Behinderung in Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung leben können?
Ich sag es Euch: es ist möglich, weil Menschen mit einer Behinderung in diesem Land Teil der Gesellschaft sind. Sie gehören dazu. Man gönnt ihnen ein gutes Leben. Man versucht, alles zu tun, um ihre Chancen zu fördern, so dass sie in ihrem Leben Erfolg haben und glückliche BürgerInnen werden können und ihren Teil zur Gesellschaft beitragen.
Das ist eine Frage der grundsätzlichen Einstellung - und die funktioniert auch, wenn nicht genügend Geld für perfekte Lösungen vorhanden ist. Das ist es, was mir hier in der Schweiz fehlt. Und damit komme ich zurück zum heutigen Thema "Frauen mit Behinderung". Es fehlt mir das Gefühl, dass diese Gesellschaft mich als Frau will. Es fehlt mir das Gefühl, dass sie daran interessiert ist, mein Frau- und Muttersein so gut es möglich ist zu verwirklichen. Mir scheint, hier geschieht das Gegenteil.
Und es geschieht aus der Erwartung Unbehinderter heraus, die in der Behinderung einen Zustand sehen, der nicht auszuhalten ist, und der das Leben eines jeden beschädigt, der davon betroffen ist. Und diese Erwartung muss scheinbar verwirklicht werden, wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.
WenDo bedeutet „Weg der Frauen ". Es ist eine feministische Art der Selbstverteidigung und Selbstbehauptung, die von Frauen an Frauen und Mädchen weitergegeben wird..
Behinderte Mädchen und Frauen sind auf Grund ihres Geschlechtes und ihrer Behinderung in wesentlichen Bereichen ihres Lebens von Aussonderung, Herabwürdigung und Vorenthaltung von Lebenschancen betroffen. Gesellschaftlich sind sie sowohl gegenüber nichtbehinderten Mädchen/Frauen als auch behinderten Jungen/Männern stärker diskriminiert und in unterschiedlichen Lebensbereichen erheblich benachteiligt. Sie erfahren mangelnde Anerkennung, sie erleben eine Abwertung ihres Frauseins, ihnen wird eine weibliche Identität überhaupt abgesprochen. Der Buchtitel „Geschlecht: behindert, besonderes Merkmal: Frau" spiegelt ihre Lebenssituation treffend wieder.
Zu den Diskriminierungen gehört, dass Mädchen und Frauen mit Behinderung viele Formen von Einschränkungen und Gewalt erleben oder davon bedroht sind..
Im Alltag erleben sie viele Formen der Grenzüberschreitungen. Diese reichen von ungebetenen Hilfeleistungen und Streicheln über den Kopf bis hin zu massiver körperlicher Gewalt. In der Öffentlichkeit und auch in der Familie sind Mädchen und Frauen mit Behinderung alltäglichen Abwertungen und Beleidigungen ausgesetzt.
WenDo ist für Mädchen und Frauen mit Behinderung besonders gut geeignet, weil es bei den Stärken und Fähigkeiten der Mädchen und Frauen ansetzt und nicht bei ihren so genannten Defiziten oder Schwächen. Im WenDo‑Training geht es darum, dass die Mädchen und Frauen Gewalt so früh wie möglich erkennen und sie lernen, wie sie sich schützen und wehren können.
Obwohl alle Mädchen und Frauen mit Behinderung in ähnlicher Weise von struktureller Gewalt betroffen sind, ist jede Lebenssituation eine andere. Dem trägt die Tatsache Rechnung, dass im WenDo keine starren Lösungen und Techniken vorgegeben sind.
WenDo hilft jeder Teilnehmerin dabei, ihre ganz eigenen Handlungsstrategien und Lösungsmöglichkeiten zu entdecken. Die körperliche und psychische Verfassung jedes einzelnen Mädchens und jeder einzelnen Frau wird berücksichtigt und ernst genommen.
WenDo geht von den individuellen Stärken des einzelnen Mädchens/ der einzelnen Frau aus und passt sich deren Bedürfnissen an.
Im WenDo-Kurs haben die Mädchen und Frauen die Gelegenheit, von Gewalterlebnissen zu berichten. Die Trainerinnen glauben ihnen. Es geht darum, die Verantwortung der Täter zu benennen und die Mädchen und Frauen von möglichen Schuldgefühlen zu entlasten. Die Trainerinnen sind parteilich für die Mädchen und Frauen.
Die Botschaften, die den Mädchen und Frauen im WenDo-Kurs vermittelt werden sollen, sind folgende:
• „Du hast ein Recht auf körperliche Unversehrtheit"
• „Hör auf Deine innere Stimme und vertraue auf Deine Wahrnehmung"
• „Du darfst Nein‑Sagen"
• „Du hast das Recht Dir Hilfe zu holen, Du musst nicht alles alleine schaffen“
• „Du bist wertvoll, einzigartig und wichtig, so wie Du bist"
Das Training umfasst
Im WenDo ist ein wichtiges Ziel eine positive Haltung zu sich selber und eine gute Einstellung zum eigenen Körper zu finden. Denn nur wer sich selber achtenswert findet, findet sich auch schützenswert.
Gearbeitet wird in der Regel in Gruppen von mindestens sechs und maximal zwölf Teilnehmerinnen. Das Training beginnt mit dem Kennenlernen der anderen Teilnehmerinnen sowie der Trainerinnen und Assistentinnen. Es gibt Raum für Selbsterfahrung und die Möglichkeit des Austausches in der Gruppe. Dadurch entstehen Vertrauen zwischen den Teilnehmerinnen und gegenseitige Unterstützung.
Grundsätze während des Trainings sind Freiwilligkeit und Achtsamkeit: Das Setzen von Grenzen und das „Nein"‑Sagen beginnen bereits im Kurs. So hat z. B. jede Teilnehmerin die Möglichkeit, sich in eine gemütlich eingerichtete Ecke zurückzuziehen und dort nicht gestört zu werden.
Das Thema Gewalt ist kein leichtes, dennoch oder gerade auch deswegen bieten WenDo-Kurse Raum für Spiele, Spaß und Freude am gemeinsamen Erleben in der Gruppe um so die Teilnehmerinnen zu stärken und zu ermutigen.
Diese Ausführungen machen deutlich, dass die Wirksamkeit des WenDo-Konzeptes wesentlich auf der Flexibilität der Kurseinheiten und dem Eingehen auf die individuellen Bedarfe der Teilnehmerinnen beruht. Das wird uns seit Jahren von den Teilnehmerinnen bestätigt.
Das SGB IX sieht unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit vor, Selbstverteidigungskurse für Mädchen und Frauen mit Behinderung zu finanzieren. Dafür müssen die Trainerinnen als Übungsleiterinnen vom Behindertensportverband anerkannt sein. Im Moment wird daran gearbeitet, standardisierte Übungen zur Stärkung des Selbstbewusstseins von Mädchen und Frauen mit Behinderung zu entwickeln. Dazu müssen die Trainerinnen jede Trainingseinheit in einzelne Übungen zerlegen und diese transparent und öffentlich machen.
Um an diesen Kursen kostenlos teil nehmen zu können, müssen die Mädchen und Frauen sich von einem Arzt bestätigen lassen, dass sie ein mangelndes Selbstbewusstsein haben, damit ihnen dann ein solcher Kurs verordnen kann.
Wir halten es für eine unzumutbare Belastung für Mädchen und Frauen mit Behinderung, dass sie sich als Eintrittskarte in einen Selbstbehauptungskurs erst einmal durch einen Arzt ein mangelndes Selbstbewusstsein attestieren lassen müssen.
Darüber hinaus ist es nicht möglich, einzelne Übungen aus dem Kurs-Setting, in das sie sinnvoll eingebettet sind, heraus zu reißen, um eine ähnliche Wirkung zu erzielen. Deswegen halten wir nichts von standardisierten Übungen zur Stärkung des Selbstvertrauens.
Heike Lennartz Sabine Schulze
"Dieser Text basiert auf dem Artikel "Selbstbehauptung und Selbstverteidigung für Frauen und Mädchen mit Behinderung / Das Kursangebot" von Barbara Scholand, veröffentlicht in der Broschüre "Karla kann's"
Autonom Leben Hamburg - Beratungsstelle für behinderte Menschen
Langenfelder Str. 35, 22769 Hamburg | Tel: 040 - 432 90 148 / 149 | Fax: 040 - 432 90 - 147 | E-Mail: info@autonomleben.de
Letzte Aktualisierung: 13. Dezember 2007